Die Resultate aus dem Sehen-wer-Du-wirklich-bist

Der folgende Artikel ist ein Auszug aus dem �Toolkit for Testing the Incredible Hypothesis" [Werkzeugkasten für die überprüfung der unglaublichen Hypothese] von D.E. Harding, welcher nicht mehr aufgelegt wird.


Die Meditation:

Die Früchte aus dem Erblicken dessen, Was und Wer man wirklich ist, hängen in starken Maße von der eigenen treuen Praxis dieses Sehens ab. Ein gelegentliches Schauen in die eigene Natur wird, wenn es nicht ernst genug genommen wird, um weiter verfolgt und kultiviert zu werden, sehr wahrscheinlich keinen wesentlichen Unterschied ergeben. Meditation ist nötig, um die alten Gewohnheiten der Selbstverdinglichung zu brechen, und um eine neue Gewohnheit der Nicht-Dingheit [No-thingness] hier zu etablieren, eine Gewöhnung in das Bewußtsein der 1.Person-Schaft. Zunächst, bevor wir nach den möglichen Resultaten Ausschau halten, laß uns die Mittel betrachten, die Art der Meditation, die am wahrscheinlichsten günstige Vorteile hervorbringt. Bewußte 1. Person-Schaft ist eine Art der Meditation (im exakten Sinne von der radikalsten Sorte) und der pragmatische Test, oder der Feldversuch unserer Hypothese liegt in der konstanten Praxis dieser Meditation. Ihr Kennwort ist SCHAU WER DA IST, und ihre Hauptmerkmale (wieder mal für Dich zum Austesten) liegen darin, daß sie folgende Attribute trägt:

  • Down-to-earth (bodenständig):
    Sie funktioniert sowohl auf dem Marktplatz als auch in der Meditationshalle, sowohl wenn Du aktiv bist als auch wenn Du ruhst, sowohl mit offenen als auch mit geschlossenen Augen.

  • Nicht abgehoben:
    Sie ist weit entfernt davon, irgendwelche tranceartigen Zustände zu benötigen oder herbeizuführen, noch ist der zeitweilige Rückzug von der Welt und den Menschen nötig, sondern sie schärft Deine Würdigung der Umstände. Du bist viel lebendiger und mehr dabei: in der Tat bist Du die Sicht, ohne Dich darin zu verlieren. Es ist keineswegs so, daß Dir, sobald Du den Sehenden siehst, Deine Sicht verdunkelt oder verzerrt würde, sondern das ist eher der Fall, wenn Du den Sehenden übersiehst. Nicht nur die �äußere", sondern auch die �innere" Welt der seelischen Zustände wird verdunkelt, wenn du dieses Innerste, welches all diese umfaßt und ihnen zugrundeliegt, ignorierst.

  • Willentlich herbeiführbar:
    Das erste Sehen vermittelt die Fähigkeit, es jederzeit zu erneuern. Da die Abwesenheit von Dingen HIER so offensichtlich und sachlich kühl wie deren Anwesenheit DORT feststellbar ist, ist das Sehen dieser Abwesenheit zu jeder Zeit sofort willentlich zugänglich. Im Gegensatz zu Gedanken oder Gefühlen kannst Du in dieses einfache Sehen eintreten, wenn Du es am dringendsten benötigst, z.B. wenn Du Dich aufregst oder Dir Sorgen machst. Es ist schnell zur Hand, um mit den Sorgen fertig zu werden, sobald diese auftauchen, auf der Stelle.

  • Körperliche Auswirkungen:
    Diese Meditation erfordert keine speziellen Körperhaltungen oder körperliche Fähigkeiten. Auf der anderen Seite können die körperlichen Auswirkungen sehr deutlich erkennbar werden. In der Regel umfassen sie eine wachsame Ruhe, eine muskuläre Entspannung, die als energisierend und nicht erschöpfend empfunden wird, eine markante Verlangsamung des Atems, eine Begradigung und Aufrichtung des Halses und der Wirbelsäule. Die Gesichtsfarbe neigt dazu sich aufzuklären, die Augen zu leuchten, die gesamte körperliche Haltung verbessert sich. Natürlich mag es Dir am Anfang auch leichter erscheinen, am körperlichen Ende zu beginnen, und, während Du sitzt, aufrecht zu sitzen: dies kann Dir tatsächlich helfen zu sehen Wer aufrecht sitzt.

  • Kontinuierlich möglich:
    Es gibt keine Umstände in denen diese Meditation unangemessen ist, zu keiner Zeit, wenn Du wohlbehalten aus der Position der 1.Person heraus wanderst. Am Ende bleibst Du Zuhause wo es ununterbrochen weiter geht, obwohl manchmal sehr bescheiden, wie die Bass-Begleitung in der Musik.

  • Lebens-integrierend:
    Auf diese Weise ist Dein Leben nicht in zwei Hälften gespalten- eine selbstgewahre (innerlich, meditativ, religiös) und eine nicht selbstgewahre (äußerlich, diskursiv, säkular)- geschiedene Welten, welche nicht so leicht zusammengebracht und miteinander versöhnt werden können.

  • Idiotensicher:
    Während ihrer Fortdauer ist dies eine alles-oder-nichts (in Wirklichkeit eine Alles-und-Nichts) Meditation, die nicht falsch gemacht werden kann. Entweder schaust Du aus demjenigen, was in Deinem Zentrum liegt, oder Du übersiehst es.

  • Unmystisch:
    Die Meditation ist sicherlich für sich selber genommen keine mystische oder religiöse Erfahrung, weder euphorisch, noch eine plötzliche Ausdehnung in universelle Liebe oder kosmisches Bewußtsein, noch irgendein Gefühl, ein Gedanke, oder eine Intuition irgendeiner Art. Als ziemliches Gegenteil davon ist sie absolut eigenschaftslos, farblos, neutral. Es ist die Schau in den stillen, kühlen, transparenten Kopf der Quelle und gleichzeitig aus ihm heraus in die (vorbei-) strömende, turbulente Welt, ohne von diesem Strom in die Welt fortgerissen zu werden. Du kannst Dir Deiner gesamten Fülle mystischer oder spiritueller Erfahrungen versichert bleiben, nicht indem Du ihnen stromabwärts folgst, sondern indem Du lediglich anerkennst, daß Du Dich immer schon stromaufwärts von all diesen befindest, und daß sie nur dort aus ihrer Quelle in Dir genossen werden können.

  • Undramatisch:
    Es ist wahr, daß das allererste Sehen Deiner Quelle wie ein Blitzschlag, wie eine welterschütternde Offenbarung kommen kann: und selbstverständlich, welches Ereignis in Deinem Leben könnte eher solch eine Feier verdienen? Aber dieses Feuerwerk ist keineswegs notwendig und diese Darbietung verpufft ohnehin sehr bald wieder. Viele Praktizierende dieser Meditation (wenn nicht sogar die meisten) kamen ganz still zur Erkenntnis, mit äußerungen wie etwa folgender: � Oh ja, na klar, das ist genau wie es hier aussieht." Alles hängt von Deinem individuellen Temperament, von Deinem kulturell- religiösen Hintergrund und Deinen Erwartungen, und vor allen Dingen davon ab, wieviel Spannung, wieviel psychologischer Stress aufgebaut worden ist- ob unfreiwillig im Verlauf Deines gewöhnlichen Lebens oder freiwillig durch spezielle religiöse Disziplinen und Meditationspraktiken.

  • Matter-of-fact, tatsachenorientiert:
    Es ist ebenso wahr, daß die ersten Tage, Wochen oder Monate die Deinem allerersten Sehen (ob explosiv oder nicht) folgen, mit großer Wahrscheinlichkeit freudvoll und erhellt sein werden. Du fühlst Dich wie neugeboren in einer Neuen Welt. Doch Oje, all das verschwindet eher früher als später wieder- sehr zu Deiner überraschung und Enttäuschung. �Es hat keinen Wert mehr für mich!" Unter dem irreführenden Eindruck, daß Du deren Kunst verloren hast, fühlst Du Dich nun versucht darin, die Meditation aufzugeben. In der Tat, wenn Du trotzdem beharrlich bleibst, wird sie weniger aufgrund ihrer appetitlichen, doch nur beiherspielenden Früchte geschätzt, sondern wegen ihrer selbst- aufgrund ihrer offensichtlichen und schlichten Wahrheit, für das Nichts, welches es tatsächlich für Dich tut, anstelle des Etwas das es mal getan hat- und das ist ein großer Fortschritt. Indem du das Interesse an den Früchten verlierst, garantierst Du, daß sie so noch viel gesünder wachsen, unbeobachtet und ungestört, so daß sie mit der Zeit reif werden. In der Zwischenzeit und überhaupt immer ist Deine einzige Aufgabe, ihre nährende Wurzel zu hegen.

  • Vereinend:
    Nur in dieser Wurzel, nur als diese Wurzel sind wir für immer alle EIN(s) und (der)GLEICH(e). Diese Meditation vereint Dich auf unfehlbare Weise mit allen Kreaturen der Schöpfung an dem einen Ort, an dem sie alle zusammenkommen, wo wir schließlich alle von diesen manifesten Eigenheiten, den versteckten Gefühlen und Gedanken, die uns voneinander unterscheiden und trennen, befreit werden. Die Leerheit, gerade eben weil sie wirklich leer ist, ist identisch in allen Lebewesen überall und zu jeder Zeit. Wenn sie als �liebend' in mir, als �hell' in Dir und als �besonders leer' in ihm erfahren werden könnte, so würde das nur dazu dienen, uns noch weiter auseinander driften zu lassen. Aber in Wirklichkeit bist Du Ich und Er, ohne den geringsten Zweifel oder die geringste Angst, auf direkte Weise findest Du den Ort, an dem nichts ist, das zwischen uns kommen könnte.

  • Demokratisch:
    Ein willkommenes Resultat ist, daß sich unter denjenigen, die in gewissenhafter Weise diese Meditation praktizieren, keine Hierarchie oder Hackordnung herausbilden kann, keine Gurus, kein spiritueller Wettbewerb und keine Einschüchterung. In der Tat- welche andere Basis für menschliche Gleichheit (geschweige denn Demokratie) könnte es geben außer dieser- unsere gemeinsame Identität?

  • Ich-frei:
    Nichts wird erreicht, sondern nur entdeckt. Und Was da entdeckt wird, ist völlig demütig und macht-frei: Deine Nicht-Dingheit kann, wenn sie wirklich gesehen (und nicht nur vorgespielt oder nur daran geglaubt) wird, nicht bezweifelt werden. Dies alleine trägt die Erkenntnis. Hier ist der eine Ort, der Ort wo Du real und keinerlei Erscheinung bist, der einfach frei von Egoismus und allem anderen ist- kurz gesagt: frei.

  • Sicher:
    Diese Meditation ist sicher, nicht nur weil sie nicht verpfuscht werden kann, sondern auch, weil sie auf der einen Seite die Abhängigkeit von Außenstehenden, auf der anderen Seite den eigenen Hochmut umgeht, aber auch deswegen, weil sie nicht irgendwie erfunden ist. Es ist nichts Willkürliches oder Versponnenes daran, nichts um Deine Leichtgläubigkeit zu überspannen, nichts, das falsch gemacht werden kann, nichts, um Dich von gewöhnlichen Menschen zu unterscheiden, nichts Besonderes. Es ist sicher, denn es geht darum herauszufinden, wie die Dinge stehen, nicht darum zu versuchen, sie zu manipulieren. Was könnte weniger gefährlich sein, als damit aufzuhören Dich selber über Dein Selbst zu täuschen, oder was könnte gefährlicher sein, als dies nicht zu tun?

  • Natürlich:
    Obwohl sie bereits von Beginn an auf deutliche Weise natürlich ist, wird diese Meditation immer mehr so und am Ende ganz und gar so. An Anfang brauchst Du vielleicht noch kleine Erinnerungshilfen, um wieder zu Deinen Sinnen zu kommen- solcherart, wie Deine Augen zu zählen (welche Augen?) und Dich Angesicht-zu-Nicht-Angesicht [face-to-no-face] mit einem Freund zu bringen. Aber mit der Zeit (nicht notwendigerweise in Jahren berechnet) wird auf diese Mittel verzichtet: die 1.Person-Schaft wird zu Deiner zweiten Natur (bzw. zu Deiner wiedergewonnenen ersten Natur) und das letzte was Du tust, ist herumzulaufen und mit Deiner Gesichtslosigkeit beschäftigt zu sein. Es ist viel einfacher als das- eher wie Zuhausebleiben in der kristallklaren Luft des Zuhauses, ohne überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden. Genausowenig, wie ein Mann in der Halle an der Eingangstür, durch welche er soeben eingetreten ist, herumtrödelt, um diese eingehend zu studieren, sondern zügig vorangeht, um die Annehmlichkeiten im Inneren zu genießen, genau so kommst Du, um die innere Unermeßlichkeit zu genießen, und diese kleinen Eingangspforten dorthin werden als die armseligen und temporären Findigkeiten (oder Vorrichtungen) - in der Tat �Gimmicks '- betrachtet, welche sie sind. ( Viele traditionelle religiöse Hilfsmittel sind so kompliziert, mysteriös, schön oder beeindruckend, daß sie die Aufmerksamkeit von ihrem zugrundeliegenden Ziel ablenken, und die Mittel ersetzten am Ende den Zweck. Hoffentlich bewahrt die hervorstechende Trivialität unserer Methode eben diese davor, im Laufe der folgenden Jahrhunderte in ähnlicher Weise wiedergegeben zu werden- mutiert zu einem heiligen Objekt, dem ein ihm schon allein selbst zukommender Wert zugeschrieben wird.)

  • Nicht ausschließend:
    Diese Meditation schließt weder irgendeine andere Form der Meditation aus, noch kommt sie dieser in die Quere, wie etwa Sitzmeditation oder Zazen, welche Du als hilfreich empfinden magst. Was sie allerdings ausschließt ist eine Meditation die annimmt, daß der Meditierende nicht schon längst Zuhause ist.

  • Unabhängig:
    Weil diese Meditation ziemlich ordinär ist- weltlich, einfach, offensichtlich, banal- und weil es präziserweise NICHTS zu lernen gibt, wird keine Führung durch Experten benötigt, kein Meditations-Handbuch oder -Meister, kein schmerzhafte Wahl zwischen deren oftmals widersprüchlichen Systemen, keine Jagd nach dem unfehlbaren Lehrmeister- Du siehst vielmehr, daß Er genau dort ist, wo Du auch bereits bist. Andererseits ist die Gesellschaft von Freunden, die diese Meditation anwenden, gleichermaßen hilfreich wie erfreulich.

  • Ansteckend:
    Zu Anfang ist ein Freund praktisch unersetzlich. Es ist außerordentlich unwahrscheinlich, daß das allererste Sehen spontan auftritt: fast jeder wird in diese Meditation von jemandem eingeführt, der das bereits tut, denn die Voraussetzung ist eine sehr ansteckende, eine direkte übermittlung von Mensch zu Mensch: Bücher haben sich beinahe als vollständig - falls nicht zumindest ziemlich- unwirksam für diese übermittlung erwiesen: ihre Aufgabe besteht darin, die Neugier darauf zu erwecken, WER das Buch liest und um die Entdeckung zu bekräftigen, sobald sie erfolgt ist. Aber dieses Urteil obliegt letztendlich Dir.

  • Nicht-Selbst-bewußt:
    Das Prinzip dieser Meditation liegt hierin: verliere niemals und unter keinen Umständen Dein Selbst aus dem Blick, und um all Deine Probleme wird sich gekümmert werden- einschließlich, was merkwürdig klingt- das Problem des Selbstbewußtseins. Denn das Selbst zu finden bedeutet Dich selbst zu verlieren. Unsere Meditation heilt Schüchternheit, nicht indem sie Dir ermöglicht, Dich in der Welt der Dinge zu verlieren, sondern indem sie Dir ermöglicht Dich selbst zu finden- als deren Behältnis.

  • Paradox:
    Inkonsistenterweise und äußerst schwierig zu erfüllen, besteht Dein Verlangen nach einer Meditation, die Dich von allen Geschöpfen befreit und Dich doch mit ihnen vereint, welche Dich völlig vernichtet und Dich doch verherrlicht, welche Dich völlig gegenwärtig und selbstgewahr und doch völlig abwesend und selbstvergessen macht, die Dir Halt und Ruhe schenkt und doch Deine Taten inspiriert, welche ziellos und doch entschlossen ist, welche Dir nichts zu tun läßt, weil Du schon am Ziel bist und doch alles, weil Du immer noch am Anfang stehst. Was gewünscht wird ist kurz gesagt eine Meditation, die alle Deine eingebauten Widersprüche aussöhnt. Was für eine unmöglich große Bestellung! Und trotzdem- Wunder aller Wunder- ist dies genau die Meditation, welche unsere Hypothese [�Näher ist Er als der Atem, und näher als Hände und Füße"], in die tägliche Praxis umgesetzt, zu bieten hat!

  • Faszinierend:
    Du kannst unermüdlich mit dieser Meditation weitermachen, weil sie so interessant ist, und sie ist so interessant, denn es ist die stets erneute Entdeckung dessen, was Dich letztendlich am meisten betrifft. Wenn dieses Subjekt nicht Dein �Bier" ist , was ist es dann? Es wäre nicht allzu überraschend, wenn jedes andere Thema der Meditation letztendlich dabei scheitert, Deine Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Doch wie könnte diese Innere Geschichte, dieser eigentliche Kern von Dir, immer derselbe und doch immer faszinierenderweise neu, jemals in den Schatten gestellt werden oder Dich enttäuschen? Wie könntest Du jemals zu einem Ende dieses unbeschreiblichen, atemberaubenden Mysteriums gelangen?

  • Zweiseitig:
    Vor allem betrachtet diese Meditation, gewissermaßen janusköpfig, beide Seiten. Sie schaut gleichzeitig nach Innen auf den Sehenden und nach Außen auf das Gesehene, sie nimmt das Gesehene auf und verleiht diesem Sinn, denn sie stellt ihr ein Nicht-Ding, bzw. nichts in den Weg- und gibt diesem Nicht-Ding den Vorrang. Suche die 1.Person und die 3.Person wird dazugegeben. Suche die 3.Person und sogar diese wird hinfort genommen.

    übersetzung: Dennis Wittrock [...]