Interviews 1983 und 1997


Interview mit Douglas Harding, 1983

Richard Lang: Douglas, du hast lange Jahre geschrieben und Workshops veranstaltet. Worum geht es in deiner Arbeit?

Douglas Harding: Das ist eine Frage, die ich mir immer wieder selber stellen muss. Nicht, um eine vorgefasste, vorgefertigte Idee darüber was es ist zu haben, sondern um mich selber immer wieder neu damit anzugehen. Für dieses Interview, Richard, muss ich mich ganz aufs Neue fragen, worum es für mich geht. Worum geht es für mich? Nun, ich gelange ziemlich nahe ans Ende meines Lebens und es scheint eine sehr natürliche und angemessene Frage zu fragen, worum es geht, wofür das Alles war. Sogar noch persönlicher: wie war es zu leben, wie ist es zu existieren? Eins der ersten Dinge die ich sagen sollte ist, dass ich es ein höchst aussergewöhnliches Ereignis finde, dass ich existiere, dass ich gewahr bin, dass ich ein Gewahrsein bin, oder sogar DAS Gewahrsein selbst. Was für ein aussergewöhnliches Ereignis und welch eine Schande zu diesem Gewahrsein zu kommen, gewahr zu sein, und dann nicht in diesen Geschmack zu kommen! Es erscheint mir eine furchtbare Angelegenheit, bedauerlich, feige und erbärmlich sich nicht für diese Dinge zu interessieren. Also, worum es für mich geht- in aller Kürze- ist zu dem Mysterium meiner selbst zu erwachen.

R. L.: ähnlich wie deine Arbeit an dir selber - was ist mit deiner Arbeit in der Welt?

D. H.: Nun, ich sehe meine Arbeit in der Welt als recht untergeordnet gegenüber meiner Arbeit an mir selbst an. Meiner Ansicht nach ist die Idee, dass ich helfen und einen Einfluss ausüben kann, oder dass ich irgendetwas Wertvolles für die Welt habe, zweitrangig und abhängig davon, ob ich meine grundlegende Frage, worum es für mich in meinem eigenen Leben geht, beantwortet habe. Mir scheint, dass ich anderen nichts zu sagen habe, bis ich nicht mein eigenes Handeln und meine eigenen Probleme beantwortet habe. Doch wenn ich das vollbracht habe, wenn ich dazu erwacht bin, was es bedeutet Ich zu sein - nun dann, da ich die schlichte Wahrheit als so verschieden von all dem empfinde, was ich mir jemals ersonnen hatte, um so vieles wertvoller, so interessant, so erstaunlich, eine solche Freude, meine Lebensweise so grundlegend verändernd, wie verständlich ist es nur, dass ich das mit der Welt teilen möchte. Zur Methode dieses mitzuteilen nehme ich an, dass sie in den weiteren Fragen zu Sprache kommen wird.

R. L.: Welches ist die Methode?

D. H.: Die Methode ist die Drehung der Aufmerksamkeit in einem Winkel von exakt 180 Grad. Unsere Aufmerksamkeit ist in der Regel nach Aussen gerichtet, vor uns. Sie ist auf ein Objekt gerichtet, und das ist sehr angemessen. Ich schaue dich gerade an, meine Aufmerksamkeit ist �Richard-wärts', doch woher kommt diese Aufmerksamkeit in diesem Moment? Was ist der Pfeil meiner Aufmerksamkeit, von welchem Bogen wird er abgeschossen? Was ich nun tue ist den Pfeil herumzudrehen und zu bemerken, dass HIER nichts von der Art ist, wie irgendetwas, das ich DORT finden kann. Was ich also tue ist, in zwei Richtungen zu schauen, und diese sind diametral entgegengesetzt zueinander. Die Eine ist auf das zu schauen, auf das ich schaue, was Richard ist, der dort mit einer Hand am Kinn und einem Stift in der anderen mich anschaut. In der anderen Richtung, in einem Winkel von 180 Grad zu diesem Bild von Richard, ist die Abwesenheit von irgendetwas ähnlichem. Ich finde einfach absolut gar nichts hier. Ganz sicher nichts, was mit demjenigen korrespondiert, was ich dort finde. Hier ist kein Gesicht, kein Kopf, mit dem ich Richard konfrontieren könnte. Ich finde mich selber zu seinen Gunsten entleert, und dies ist die wesentliche Erfahrung, von der alles ausgeht. Diese Leerheit-für-Andere ist es, was ich geniesse und wenn ich versuche, es mit Menschen zu teilen und es in die Welt hinauszutragen, dann ist es dasjenige, wozu ich jeden und jede anhalte es sich für sich selber anzusehen. Ich kann ihnen nicht sagen, was sie finden sollen, doch ich kann sie ermutigen, indem ich sage, was ich finde. Ich bitte die Menschen nachzuschauen, ob sie sich in der selben Verfassung befinden wie ich, oder nicht.

R. L.: Also siehst du, dass du für dich selber betrachtet verschieden von dem bist, wonach du aussiehst.

D. H.: Ein �normaler' Mensch zu sein, bedeutet sich über die Aussage zu täuschen, dass ich das bin, wonach ich aussehe. Nun, ich sage, dass ich nicht das bin, wonach ich aussehe. Ich bin vielmehr das Gegenteil von dem, wonach ich aussehe! Wenn ich sage �aussehen", dann meine ich �aussehen für dich dort drüben".

R. L.: Für mich siehst du aus wie ein Mensch.

D. H.: Natürlich sehe ich aus einem Meter Entfernung wie ein Mensch für dich aus. Doch ich schaue auf mich selbst aus null Meter Entfernung und ich kann keinen der Züge finden, die du siehst. Hier sind keine Augen, kein Mund, keine Wangen, kein Bart. Also denke ich, Richard, dass wir in diesem Moment nicht von-Angesicht-zu-Angesicht sitzen. Ich war in meinem ganzen Leben niemals von-Angesicht-zu-Angesicht mit irgendjemandem. Mir scheint dieses von-Angesicht-zu-Angesicht-Ding ein grossangelegter Betrug, der universelle aufgelegte Schwindel, von dem ich sicher bin, dass er sich aus vielerlei Gründen ruinös im Leben auswirkt.

R. L.: Wie kamst du zu dieser Einsicht?

D. H.: Ich glaube, einfach indem ich solch ein vermurkstes Leben geführt habe und indem ich eine solch unbefriedigende Person war: Ich musste einfach herausfinden, was falsch gelaufen war. Was noch hinzukommt, war, dass ich vielleicht etwas mehr Neugierde und Forschergeist mitbekommen hatte, so dass ich letztlich für mich selbst nach mir selber schauen musste. Nachdem ich jahrelang über die Frage nach meiner Identität gelesen, nachgedacht und gegrübelt hatte, fand ich, dass ich selber einfach nachschauen musste, um zu sehen, und es wagen meine eigene Autorität zu sein, meine eigene Autorität über den einzigen Ort , über den ich in der Lage bin etwas auszusagen. Niemand sonst kann mir etwas darüber sagen, darüber wie ich bin, genau hier und jetzt, ich-seind, mit mir zusammenfallend. Seitdem ich mir selber die Frage gestellt hatte, �von wo heraus schaue ich?", wurde mir schlagartig klar, dass ich das exakte Gegenteil von all dem war, was man mir erzählt hatte. Um von-Angesicht-zu-Angesicht mit dir zu kommen, muss ich mir hier etwas hin-halluzinieren, um mit dem zusammenzupassen, was ich dort auf deinen Schultern sehe. Es scheint mir, Richard, dass mein Leben im Kern auf eine Lüge aufzubauen ein verdorbenes Leben ist, so wie ein Apfel mit einem verrotteten Kern ein verdorbener Apfel ist.

R. L.: Wie wirkt sich dieses Gewahrsein darüber wer du bist, dass du nicht ein Ding in der Welt bist, auf dein Leben aus? Was, denkst du, kann es im Leben anderer Menschen bewirken?
D. H.: Auf so viele Weisen. Ich kann nur damit beginnen sie aufzuzählen. Nichts bleibt unverändert. Man hat Schwierigkeiten damit einen Anfang zu finden. Nun, ich werde, in einer gewissen Weise, am Ende beginnen. Dieses neue Gewahrsein bedeutet, dass ich, wenn ich in den Spiegel schaue, auf etwas blicke, dass eine tödliche Krankheit hat - nämlich das Leben. Der dort drüben im Spiegel lebt, er wurde geboren, er wird sterben. Er verändert sich die ganze Zeit über. Und ist nicht im Geringsten das, was ich bin. Er ist, was ich zu sein scheine. Das ist nicht meine zentrale Identität. Er ist eine meiner Erscheinungen, und stirbt. Was ich hier bin, steht in einem totalen Kontrast hierzu, denn hier ist nichts, das sich verändern könnte, geschweige denn sterben. Es ist offensichtlich, dass alle Dinge von Galaxien bis zu Teilchen vergehen. Wenn ich also ein Ding bin, bin ich vergänglich. Alle meine Erscheinungen sind Dinge, sind Phänomene, doch die Wirklichkeit aus der sie entspringen ist kein Phänomen, ist kein Ding. Es ist Gewahrsein von sich selbst als frei von Dinglichkeit.

R. L.: Was ist mit den Interaktionen mit Menschen, Tieren oder Dingen?

D. H.: Nun, eine symmetrische Beziehung, von Person zu Person und von Angesicht zu Angesicht und von Ding zu Ding muss das absolute Gegenteil von einer �Beziehung" (es ist nicht im Geringsten eine Beziehung) zwischen Nicht-Ding und Dingen sein. Meine �Beziehung" mit allem Vorstellbarem, mit jeder Person, ist ganz und gar absolut a-symmetrisch. Was praktisch bedeutet, dass ich, anstatt mich auf diese Person zu beziehen, diese Person bin. Ich bin er oder sie in dem Sinne, dass dies meine Erscheinung zu diesem Zeitpunkt ist - das ist die Gestalt, die ich trage. Es ist die Form, die ich für diesen Moment annehme. In diesem Augenblick formst du mich, gestaltest du mich. Es ist, als würde ich �ge-Richard-et". Das ist ein wundervoller Beginn, denn es bedeutet, dass ich dir nicht gegenüber stehe, dich nicht konfrontiere, dir nicht entgegen stehe. Gerade Konfrontation ist unser Problem, ist dasjenige, worunter unsere Welt leidet. Die Konsequenz davon, dass ich sehe, wer ich bin, ist, dass ich herausfinde, dass ich niemals irgendetwas konfrontieren kann, oder jemals werde. Konfrontation ist die grosse Lüge auf der unser Leben und unsere Gesellschaft gegründet ist. Nun, werde diese Lüge los und probier aus, was geschieht. Es bedeutet universelle Liebe.

R. L.: Diese Revolution in zwischenmenschlichen Beziehungen muss einen Effekt auf deine Beziehungen zu Fremden, Tieren und Pflanzen und unbelebten Objekten - oder was auch immer - haben. Ich denke an all die Konflikte die sich heute auf allen Ebenen abspielen und daran, wie du helfen könntest.

D. H.: Ich denke, dass wenn wir versuchen all die furchtbaren Dinge zu verbessern oder sogar abzuschaffen, die sich in der Welt abspielen - Krieg und Ausbeutung, Hunger und all solche Dinge - wenn wir versuchen, das auf der Ebene der Symptome zu tun, dann werden wir nicht viel ausrichten. Ich will nicht sagen, dass es nutzlos ist, doch es wird nicht genügend radikal sein. Wir werden hier keinen Beitrag leisten könne, ehe wir nicht die Wurzel dieser Angelegenheit in Angriff nehmen, und die Wurzel dieser Angelegenheit können wir jeder in unserem persönlichen Leben finden. Ich leide an dieser Krankheit der Konfrontation in meiner Beziehung mit dir in diesem Moment, was hilft es da zu versuchen mit dem selben Problem der Konfrontation auf anderen Ebenen - national und international - , Konfrontation zwischen den Geschlechtern, ethnischen Gruppen, Religionen, Ideologien, Machtblöcken und so weiter, umzugehen? Mit anderen Worten: Dienst an der Welt beginnt zu Hause. Wiederholung: Dienst an der Welt beginnt zu Hause- und falls nur deswegen, weil du - wenn du herausgefunden hast, wer du bist - herausfindest , dass du die Welt bist.

R. L.: Wie, glaubst du, wird es persönliche Probleme, psychologische Probleme beeinflussen? So etwas wie Depression, Schüchternheit, Angst, Einsamkeit?

D. H.: Auf eine gewisse Weise lässt es diese menschlichen Angelegenheiten auf ihrer eigenen Ebene fortlaufen. Im Zentrum meines Lebens ist dieses Gewahrsein, als dessen reine Natur ich Freiheit finde - Freiheit nicht nur von Dinghaftigkeit, sondern von Gedanken und Gefühlen jeder Art. Sicherlich von Problemen jeglicher Art. Als die Quelle dieser Dinge, der Ursprung von diesen schwierigen Dingen, muss es seine Aufgabe sein, diese allein zu lassen, frei dazu das zu sein, was sie sind. Wer ich wirklich bin, verändert in sich selber nicht dasjenige, was ich meine menschliche Natur nenne. Was es tut, Richard, ist ihr einen Platz zu geben. Dieses schwierige und manchmal Beherztheit erfordende Zeug wird nicht geleugnet. Tatsächlich wird es von dem Zustand der Freiheit im Zentrum sehr viel aufrichtiger geschätzt und vergnüglicher angenommen, als dies jemals von dieser illusorischen Person getan wurde. Nun gibt es keinerlei Grund diese Schwierigkeiten zu leugnen und jeglichen Grund sie anzuerkennen, insofern sie bestehen bleiben - Einsamkeit und Depression, etc. Es ist ein Teil des Preises des Einbezogenseins in diese Welt diese Gefühle zu haben, von denen einige annehmbar, einige nicht akzeptabel und andere widerum tragisch sind. Ich kann nicht existieren, kann mich nicht mal ausdrücken, ohne diesen Dualismus da draussen. Der Dualismus von Gut und Böse, Schönheit und Hässlichkeit, schwarz und weiss, etc., ist die unausweichliche Bedingung dafür, sich von dem Ort, der frei von den Dualitäten ist, in eine Welt hinein auszudrücken. Also ist es nicht ein Fall von Freiheit von diesen Dingen in dem Sinne, dass man sie abschafft, sondern frei in dem Sinne, dass man ihnen einen Platz geben kann. Sie sind nicht länger zentral. Das entfernt sie nicht nur von einem - ohne dass es man sich von ihnen entfernte: auf lange Sicht und wenn es anhält, verändert es sie. In welcher Weise genau es das tut bleib noch zu sehen.

R. L.: Findest du, dass du in deinem eigenen Leben durch diese Gewahrsein bei einem Gefühl des tiefen Friedens angekommen bist?

D. H.: Ja, das tue ich tatsächlich. Es könnte kaum tiefer sein. Es könnte kaum zugänglicher, und es könnte kaum natürlicher oder eingeborener für einen selbst sein. Es war hier die ganze Zeit, und es kann niemals erreicht werden, oder sich darin verbessert werden, oder kultiviert werden. Es ist einfach hier, um betrachtet zu werden. Dieser Frieden ist unsere innerste Natur, nicht irgendetwas auf das wir stossen. Es ist dort wo wir sind, näher als alles andere. Wir gelangen nicht dort hin. Wir kommen von dort. Es zu finden bedeutet uns selber zu erlauben, an den Ort zurückzukehren, den wir niemals verlassen haben.

R. L.: Kannst du etwas über deine �neue Technik', die Experimente, sagen?

D. H.: Ich habe bereits eines von ihnen beschrieben - dasjenige, das vielleicht das Beste von allen ist. Wenn du ein Gesicht vor dir hast, dann ist die Frage, die du dir selber stellst: �Ist hier irgendetwas, das damit übereinstimmt?" Ich schaue in deine Augen und ich sehe zwei kleine �Fenster', Richard, aus denen du angeblich hinausschaust. Eher erstaunlich! Doch ich finde dort, wo ich bin, überhaupt keine Augen und sicherlich nicht zwei davon. Hier finde ich nur ein enormes �Fenster', weiter als Ost von West entfernt ist. Es hat keinen Rahmen. Es ist eine Art Oval, doch von unendlichen Ausmassen. Das ist das, was ich anstelle von zwei kleinen Gucklöchern hier finde. Und wieder, ich sehe jetzt die Farbe deines Gesichtes - wie kann ich diese Farbe aufnehmen, wenn hier irgendeine Farbe ist? Ich sehe die Komplexität deines Bartes, deines Haars, deiner Poren, all die subtilen Variationen der Form und des Gewebes, und ich bemerke die totale Abwesenheit von all dem hier. Dort finde ich eine wundervolle Abhandlung in puncto Komplexität, hier finde ich eine wundervolle Abhandlung in puncto Einfachheit, totaler Klarheit, totaler Freiheit, totaler Erleichterung von dem, was ich dort finde. Ich sehe, dass sich deine Augen bewegen. Nun, ich finde keine Bewegung hier. Wenn du den Gang hinuntergehst, na gut- das ist, was du tust. Doch ich sehe, dass ich, wenn ich hinuntergehe, nicht im Geringsten den Gang hinuntergehe - der Gang geht an mir hinunter! Wenn ich in mein Auto steige, dann bewegt sich die gesamte Landschaft! In der Tat ist alles im Leben, jeder Teil des Lebens eine Gelegenheit für mich, um herauszufinden, dass alles, was mir über mich erzählt wurde - über mich selber, wie ich wirklich bin, genau hier - auf dem Kopf steht. Und in der Tat macht es einen unglaublichen Spass und ist in psychologischer und in spiritueller Hinsicht enorm wichtig, sich selber die Wahrheit über sich selber zu sagen. Selbsttäuschung ist gleichermassen dumm und krank.

R. L.: Wie siehst du deine Zukunft und die Zukunft deiner Arbeit?

D. H.: Ich werde mit dem zweiten Teil beginnen. Was wird mit diesen Techniken geschehen, die ich gerade eben angedeutet habe? Falls das menschliche Geschlecht überleben sollte (und mir scheint, dass es eine faire Chance hat, das zu schaffen), dann denke ich , dass es das tun wird, weil sich die Erfahrung der Nicht-Konfrontation verbreitet. Die Hoffnung der menschlichen Rasse ruht in diesem und anderen, ähnlichen Wegen, parallelen Wegen, um bei der Wahrheit der Nicht-Konfrontation anzukommen. Es scheint mir, als wären wir durch eine Phase gelangt, in welcher der Mythos der Konfrontation, nach einer Halbzeit von vielleicht einer Millionen Jahre, so kontraproduktiv geworden ist, dass er unser gesamtes überleben bedroht. Wir müssen dringend entdecken, dass es ein Mythos ist und damit beginnen dieses andere Leben zu leben, das Leben der Nicht-Konfrontation - in welchem jeder von uns zu Gunsten des anderen entleert ist. Ich würde die Zukunft meiner Arbeit als das kontinuierliche Hinweisen auf die Wahrheit der Nicht-Konfrontation und ihrer Notwendigkeit betrachten. Du siehst, ich denke, falls es wahr ist - und ist wahr - , dann wird es sich um sich selber kümmern. Ich denke, dass es sich bereits aufbaut - in einer untergründigen Art und Weise, nicht allzu offensichtlich. Das ist nichts, was die Leute beim Hals packt. Es ist etwas, das auf einer anderen und tieferen Ebene arbeitet. Wie auch immer, die Tatsache, dass wir bereits daraus leben ist eine grosse Versicherung für ihr überleben. Es ist die Art, wie wir sind. Es ist keine Leistung, es ist eine Verwirklichung - die Verwirklichung. Konfrontation ist ein Mythos. Man kann darauf vertrauen, dass die Wahrheit sich um sich selber kümmert. Daher sorge ich mich nicht um die Zukunft.


Interview mit Douglas Harding, März 1997

Teilnehmer der Headless Way Mailing-Liste und Diskussionsgruppe haben Richard Lang einige Fragen gegeben, die er Douglas Harding in einem Interview fragen sollte. (Schicke eine email an Richard, wenn du Interesse an der Mailing-Liste hast) Die Fragen waren über den Ort für Individualität im Zusammenhang mit wer wir wirklich sind, den Ort für Gebete, (und Aufgabe des Willens), und über den Ort für Gefühle (und Liebe). Hier ist ein Transskript dieses Interviews:

Frage: � Bedeutet die Erforschung und Entdeckung dessen was ich bin in psychologischer Hinsicht irgendetwas für dich, und wie passt das zusammen mit dem Sehen, mit dem wer ich wirklich bin? Ist es wichtig, sich als Individuum zu entwickeln, solange ich nicht vergesse, wer ich wirklich bin?"

Douglas Harding: Mir scheint, es gibt zwei Bedeutungen für den Ausdruck �Wer bin ich?" Die eine ist, wer ich in meinem Zentrum bin, in meinem Wesen, und die andere ist, wer ich als Person bin - wie bin ich als Person, was ist mein Temperament, was ist meine angemessene Bezeichnung, etc.? Mir scheint, dass ich, wenn ich vernachlässige, wer ich wirklich bin und nur darauf abziele, was Douglas ist, dann bleibe ich ziemlich im Dunklen darüber, was Douglas ist. Ich bin allen möglichen Spielen, Illusionen und sozialen Konditionierungen unterworfen, die mir Douglas verdunkeln. Doch wenn wir sehen wer wir wirklich sind, dann glaube ich, ist einer der Nebeneffekte, dass wir authentischer als Menschen werden, natürlicher, mehr wir selber. Ich habe bemerkt, dass unter meinen Freunden, die sehr klar sehen und dies sehr schätzen, diese in menschlicher Hinsicht keine weniger interessanten Individuen geworden sind, sondern eher mehr. Meine Erfahrung ist, dass es, um wirklich menschlich, wirklich individuell und authentisch als Person in der Welt zu sein, das Beste ist, zu sehen, wer du wirklich bist. Wenn du vernachlässigst, wer du wirklich bist zugunsten dieses menschlichen Dings, dann leidet dieses menschliche Ding.

Richard Lang: Würdest du zustimmen, dass es auf der menschlichen Ebene wichtig ist, herauszufinden, wer du bist und wer nicht?

D. H. : Ja, aber ich würde sagen, dass du das auf direkte Art nicht sehr leicht herausfinden wirst. Ich würde sagen, dass es wichtig ist herauszufinden, wer du menschlich bist - doch nicht als separate Aufgabe. Es ist ein Nebeneffekt, ein Nebenprodukt davon, wer wir wirklich sind. Bis ich nicht weiss wer ich wirklich bin, weiss ich nicht, wer Douglas als Douglas ist. Ich denke, ich bekomme sehr viel wertvollere Einsichten über mich selber, insofern mein zentrales Interesse nicht dieser Person gilt.

R. L.: Wie funktioniert das deiner Ansicht nach? Wieso sollte das so sein?

D. H.: Ich denke, ich bin eine Art Einfaltspinsel! Mein Geheimnis ist, dass ich nur eine Antwort auf alle Fragen habe - schau nach, wer die Frage stellt! So ist es wirklich ein Leichtes zu antworten. Ich sage, dass es das Beste ist, was ich für Douglas als Person tun kann, um ihn authentischer, individueller, nützlicher für die Welt, einen besseren Menschen zu machen - warum sollte man nicht darauf abzielen? Wenn du es darauf abgesehen hast, dann spielt du ein Spiel. Wenn du darauf abzielst zu sehen, wer du wirklich bist, dann wird sich um deinen menschlichen Aspekt gekümmert werden. Und das ist nicht nur auf Douglas Harding anwendbar. Ich habe es an vielen meiner Freunde bemerkt - Freunde, die schätzen, wer sie wirklich wirklich sind - sie sind so verschieden. Es hat sie nicht in Klone oder Kopien eines spirituellen Ideals verwandelt. Sie bleiben sehr individuell - sogar noch viel mehr.

R. L.: Würdest du sagen, dass sich die natürliche Individualität entfalten wird, wenn man ihr in keiner Weise in die Quere kommt?

D. H.: Ja, das sage ich. Und es ist wichtig, dass sie sich entfaltet, doch sie ist nicht dazu gedacht, darauf als separate Aufgabe abzuzielen. Wenn du siehst, wer du wirklich bist, dann verlierst du einen grossen Teil des Interesses daran, wie du bei anderen Menschen ankommst. Du bist von dieser konstanten Furcht befreit, ob du andere Leute beeindrucken kannst oder nicht, ob deine Persönlichkeit angemessen ist oder nicht. Ich denke wirklich, dass die menschliche Persönlichkeit sehr viel besser ist, wenn du mal einen Gang zurückschaltest und Interesse an deiner wahren Natur entwickelst.

Ich denke tatsächlich, dass es wirklich wichtig ist herauszufinden, wer du als Mensch bist. Die Frage ist, wie tust du das? Meiner Ansicht nach wird die direkte Innenschau, die ignoriert wer du wirklich bist, nicht sehr fruchtbar sein.

R. L. : Aber du zum Beispiel bist ein Schriftsteller.

D. H.: Doch das ist doch eine ziemlich oberflächliche Angelegenheit, oder?

R. L.: Aber das ist die Ebene der Frage.

D. H.: Gut, ich sehe wer ich bin und ich stelle fest, dass ich darüber schreibe, ja. Aber das Schreiben entspringt dem Sehen.

Frage: �Ich habe mich oft gefragt, warum Douglas so selten über das Thema Beten spricht. Das ist seltsam, denn das Thema Beten ist allen Religionen gemeinsam, vielleicht sogar universell. Warum sprichst oder schreibst du so wenig über Beten?"

D. H.: Gut, wir müssen unterscheiden zwischen zwei Arten von Gebet. Da gibt es eine Sorte Gebet, die Bittstellerei ist - dafür zu beten, dass meine Bauchschmerzen besser werden, oder dass das Wetter besser wird, oder dass jemand aufhört sich mies mir gegenüber zu verhalten. Diese Art des Bittgebets ist für mich nicht interessant, und ich glaube nicht, dass sie effektiv ist. Ich nehme an, dass sie das ist für einige Menschen. Es könnte als eine Art Magie funktionieren, wenn du deinen Glauben an eine Vorsehung da draussen richtest, die diese Art der Magie für dich vollbringt. Aber das tut es nicht für mich.

Die andere Art Gebet, die sehr anders ist, ist von folgender Art: Sagen wir ich wünsche die Gesundheit eines Menschen, den ich sehr liebe, oder meine eigene Gesundheit, oder meine eigene Fähigkeit meine Arbeit zu verrichten, etwas dergleichen - was wirklich sehr anspruchsvolle Bitten sind - doch immer mit dem Zusatz am Ende �Dein Wille geschehe". Ich hätte das gerne, aber nicht mein Wille sondern DEIN Wille geschehe. Dann ist die Frage: Wer betet zu wem? und natürlich in ist es in der letzten absoluten Hinsicht wer du wirklich bist in einem Gespäch mit wer du wirklich bist. Es ist eine Art interner Prozess innerhalb deiner wahren Identität, und ist nicht nur wichtig, sondern unverzichtbar. Als ich mit Schmerzen im Krankenhaus lag, und es waren wirklich üble Schmerzen für mich, da habe ich schon etwas von dieser Art Gebet praktiziert.

R. L.: Wie kommt es, dass du so selten darüber sprichst oder schreibst?

D. H.: Ich schreibe so selten darüber, weil ich nicht denke, dass es das ist, was mir in Wirklichkeit geschieht. Ich würde es in der Tat nicht Gebet nennen. Gebet hat all diese anderen Konnotationen von um Gefallen bitten, und so etwas macht man nicht. Man bittet nicht wirklich um Gefallen. Ich denke man würde offensichtlich gerne weniger Schmerzen und mehr Freude für seine Lieben haben, damit sie in besserer körperlicher und seelischer Gesundheit stehen. Diese Art Wunsch ist ein Gebet, wie ich meine, doch es muss die Art Gebet sein, die die richtige Art Gebet ist - für die ich einstehen würde. Ich würde nicht darüber schreiben, doch dafür einstehen, was bedeutet �Dein Wille geschehe dennoch". In dem �Head Off Stress" Buch unterscheide ich drei Tiefen des Willens. Die erste ist das oberflächliche Ding, das ich will. Die zweite ist dasjenige, was ich wirklich will, was ziemlich verschieden von dem sein kann, von dem ich denke, dass ich es will, und mein Verhalten mag mich darüber in die Irre führen, von dem ich denke, das ich es will - du hast den oberflächlichen Willen, du hast den tieferen psychologischen Willen, der das Gegenteil von dem sein kann, von dem du denkst, das du es willst. Und du hast deinen tiefsten Willen, der der Wille desejnigen ist, der du wirklich bist, und der Wahlspruch lautet hier �Dein Wille geschehe".

Frage: �Mittlerweile legst du mehr Betonung auf die Gefühle und das Herz als du es früher getan hast. Gibt es irgendetwas, das diesen Wandel vom Sehen zum Sehen mit Gefühl ausgelöst hat? Gibt es empfehlenswerte übungen, die anderen dazu verhelfen zu sehen und zu fühlen, ähnlich den traditionellen, die so vielen geholfen haben zu sehen? Falls nicht, wie könnten sie entwickelt werden?"

D. H.: Ich denke, wir müssen sorgfältig unterscheiden zwischen Sehen und Fühlen. Ich denke, der Punkt an dem echten Sehen ist, dass du es haben kannst, wenn du es willst. Du kannst immer einen Blick darauf werfen, wer du wirklich bist, unabhängig von deiner Stimmung - so gut oder schlimm du dich auch fühlst. Das gilt nicht für das Fühlen. Ich kann Gefühle nicht auf Abruf haben. Ich kann nicht sagen, dass ich ein bestimmtes Gefühl haben werde. Wenn du es kannst, und du Erfolg zu haben scheinst, dann ist das Gefühl nicht echt, es ist Selbsttäuschung. Ich denke, das Gefühle spontan sind oder gar nichts. Wenn es nicht natürlich aus dir kommt, wenn es künstlich ist, dann ist es nicht wert gefühlt zu werden. Also übungen mit einer Absicht Liebe und so weiter zu kultivieren - gut, ich weiss, dass die Buddhisten das tun: sie senden liebevolle Gefühle in alle Himmelsrichtungen, senden Wellen der Liebe durch den Kosmos, ich würde das nicht kritisieren. Aber es ist nicht mein Weg, und es scheint ein Element der Künstlichkeit in sich zu tragen, das die ganze Sache schwächt. Doch ich wünsche ihnen viel Glück damit, wenn sie das können. Meine Sache ist das nicht.

übungen für die Kultivierung eines mitfühlenden Herzens. Ich denke, was wir tun können ist die Tatsache zu bemerken, dass, während wir aufwachsen von Kindern zu Teenagern zu Erwachsenen, unser Schwerpunkt sich von unserem Herz und unserem Bauch aufwärts in den Kopf verlagert. Wir werden kopflastig, verkopft und zentriert hier im Intellekt, in der Intelligenz, im Wissen usw., und wir verlieren den Kontakt zu unseren Herzen und Gefühlen. Wenn wir sehen, wer wir wirklich sind und unseren �Kopfknoten' auflösen, dann verlagert sich der Schwerpunkt nach unten. Ich denke, was wir tun können ist die Tatsache anzuerkennen, dass das geschieht, und ihr erlauben zu geschehen, und darauf achten wie er sich nach unten verlagert. Es gibt hier ein Experiment, das hilfreich in Hinsicht auf das Thema Gefühl ist: Strecke deine Arme vor dich aus und achte darauf, was du zwischen ihnen siehst. Das ist ein Tunnelblick, insbesondere, wenn du diesen Typen im Spiegel anschaust, oder dir einige deiner Probleme in einer extrem engen und selbstsüchtigen Weise ansiehst. Wir sind nur mit unserem eigenen Wohlergehen hier beschäftigt und die Welt ist nicht von Interesse, es sei denn, dass sie auf das zentrales Objekt unserer Beschäftigung einwirkt, welches die eigene menschliche Verfassung ist. Während wir weiterhin geradeaus nach vorne schauen, erweitern wir den Winkel unserer Arme und unseres Ausblicks, bis unsere Arme nahezu verschwunden sind - wir können unsere Finger bewegen um zu sehen, wie weit sie gehen können und immer noch sichtbar sind. Betrachte deine anderen Freunde wie sie das tun und nur einen kleinen Teil des Raumes umarmen. Aber schau dich selber an als Erste Person und du hast die ganze Welt in deinen Händen. Aus der gegenwärtigen Erfahrung, geradewegs nach vorne schauend, sieht es für mich so aus, als wären meine linke und meine rechte Hand so weit entfernt, wie Ost von West. Ich umarme die Welt. Das ist eine übung, die wir in den Workshops machen und ich denke, dass sie auf diesem Gebiet hilft - es ist die einzige übung, die mir einfällt, die speziell auf Gefühle ausgerichtet ist. Aber zu beobachten und zuzulassen, dass sich der Schwerpunkt tatsächlich nach unten verlagert, es zu verstehen und sich an diesen Gedanken zu gewöhnen ist hilfreich. Die andere Sache ist diese: mach weiter mit dem Sehen, sorge dich nicht um die Gefühle - ich sehe gerade, dass ich zu deinen Gunsten verschwinde. Ich sehe, dass das geschieht. Aber es hat Folgen für das Fühlen, denn es bedeutet, dass ich aufgesprengt und weit geöffnet für dich bin. Also sind das Sehen und das Fühlen in tiefer Weise verbunden. Aber spezielle übungen, die nur auf das Gefühl ausgerichtet sind, sind meiner Ansicht nach nicht zu empfehlen - die so eine Art Ersatz aufbauen, was nicht wirklich überzeugend ist.

Du magst denken, dass es möglich ist, nicht nur zu sehen, wer du bist, sondern in diesem Zustand zu verweilen (so dass das das Sehen aufrecht erhalten wird und du wirklich zu Hause bist und deiner Abwesenheit, deiner Klarheit, deiner Offenheit gewahr bist) und trotzdem ein verschlossenes Herz gegenüber der Welt zu haben. Ich denke nicht, dass das möglich ist. Ich denke, dass, wenn du es schaffst hier zu Hause zu bleiben, sich dein Herz öffnen würde. Diese Freunde, die vielleicht erwähnenswert sind aufgrund ihres Mangels an Mitgefühl - und ich bin selber durch diese spezielle Stufe hindurchgegangen - sind bloss zufrieden mit kurzen Ausflügen. Sie haben sich noch nicht zu Hause niedergelassen. Wenn sie es hätten, so denke ich, würden sich ihre Herzen öffnen wie Blumen im Sonnenlicht.

übersetzung: Dennis Wittrock [dennis_wittrock@yahoo.de]